Buxtehude während der Sturmflut 1962

Alles scheint unter Kontrolle zu sein

“Im Anschluss an die Nachrichten folgt eine Sturmflutwarnung…”

Eine Ankündigung, die heute niemanden ernsthaft beunruhigt.

Auch am 16. Februar 1962 war in Buxtehude wahrscheinlich kaum jemand besorgt. War doch gerade vor vier Tagen, am 12. Februar, ein schwerer Sturm über Norddeutschland gezogen. Das neue Estesperrwerk in Cranz hatte sich bewährt, die Deiche an der Este boten zusätzlichen Schutz, die Elbe war weit entfernt – kein Grund zur Sorge.

Der Sturm war in dieser Nacht ungewöhnlich stark. Extreme Luftdruckunterschiede über der Deutschen Bucht sorgten für dauerhaft hohe Windgeschwindigkeiten. Der Wasserstand bei Ebbe nicht sank kaum, die nächste Flut lief umso höher auf.

Die Alarmierungskette funktionierte einwandfrei, das Estesperrwerk hielt der Flut stand, die Este war keine Bedrohung. An der vermeintlich so weit entfernten Elbe hingegen brachen die Deiche

Das überflutete Ostmoor
Blick von Moorende über das Ostmoor nach Buxtehude

Die Lage wird ernst

Die Halepaghenstrasse steht unter Wasser
Die Halepaghenstrasse steht unter Wasser

Das Wasser kam über das Ostmoor unaufhörlich auf Buxtehude zu. In Rübke und Moorende war bereits “Land unter”. Schliesslich wurden auch weite Teile Buxtehudes im Bereich der Harburger Strasse bis zum Viver überflutet, das Krankenhaus am Bollweg wurde evakuiert, Viehherden wurden auf die Geest getrieben.

Die Harburger Strasse an der Ecke zum Bollwerk ist überflutet
Die Harburger Strasse an der Ecke zum Bollweg ist überflutet

Die Schäden hielten sich zum Glück in Grenzen, nicht zuletzt Dank des unermüdlichen Einsatzes von Polizei, Feuerwehr, THW, Bundeswehr und zahlreicher freiwilliger Helfer. Helfer, die völlig selbstverständlich von ihren Arbeitgebern freigestellt wurden.

Wie auch heute noch üblich nutzte Politprominenz die Aufmerksamkeit. So kam unter anderem der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Strauss zu einer Erkundung der Lage nach Buxtehude.

Welche Konsequenzen wurden gezogen, welche Maßnahen ergriffen?

In erster Linie wurden die Deiche an der Elbe weiter erhöht und ihre Bauweise optimiert. Das äußere Estesperrwerk mit seinen massiven Toren wurde gebaut. In Hamburg werden bis heute Flutschutzmauern und -tore höher und stärker ausgelegt. Regelmässig werden Katastrophenschutzübungen abgehalten.

Gleichzeitig jedoch wurde die Elbe weiter eingeengt und begradigt. Die Fahrrinne wird immer tiefer ausgebaggert. So fliesst mit jeder Tide mehr Wasser mit höherer Stromgeschwindigkeit in die Elbe. Winterstürme gibt es immer noch, der Klimawandel sorgt für extremere Wetterlagen.

Ob sich auch heute noch so viele Freiwillige finden würden? Wehrpflichtige gibt es zumindest nicht mehr, Bundeswehrstandorte mit ihrem schweren Gerät sind mittlerweile dünn gesät.

Trotzdem werden wohl alle sorglos zu Bett gehen wenn es heißt: “Im Anschluss an die Nachrichten folgt eine Sturmflutwarnung…”

Buxtehude während der Sturmflut 1962